Oft hört man, Künstliche Intelligenz sei noch gar nicht fähig ganze Bücher zu schreiben. Aber stimmt das? Wir haben es probiert. Und die Antwort lautet: Leider doch. Über die Qualität kann man streiten.
Wer ein Buch schreibt, der braucht neben Ideen und etwas Talent vor allem eines, nämlich Zeit. Ein Roman mit mehreren hundert Seiten entsteht nicht an einem Wochenende. Und selbst wenn das Manuskript fertig ist, geht noch viel mehr Zeit und Arbeit ins Land, bis ein fertiges Buch daraus entsteht.
Ist ein Verlag gefunden, der das Buch vertreiben möchte, wird das Manuskript erst lektoriert, umgearbeitet und korrigiert. Cover und Text müssen gestaltet und gesetzt werden und irgendwann geht das Buch in den Druck. Bis man sein fertiges Werk in den Händen hält können Monate oder sogar Jahre vergehen.
Könnte man KI einsetzen, um einen den Großteil dieser Arbeit abzunehmen? Vielleicht sogar ganze Bücher auf Knopfdruck generieren? Das ist doch sicher technisch aufgrund von Limitierungen der KI-Modelle noch nicht umsetzbar, oder? Und das fällt doch sicher im Buchhandel auf.
Nun ja, tatsächlich zeigen mehrere aktuelle Fälle, die auch in den sozialen Netzwerken Wellen schlagen, dass es solche KI-generierten Bücher bereits gibt und die Dunkelziffer höher sein könnte als man denkt.

Daher wollen wir in einem Experiment selbst herausfinden, wie schwer oder einfach es im Januar 2026 ist, mit frei zugänglichen KI-Modellen ein Buch komplett zu generieren. Von der Idee, über das Cover bis zum gesamten Inhalt.
Dieser Artikel soll dabei keine Anleitung sein, wie ihr jetzt selbst mit generischen KI-Büchern den Markt fluten könnt, denn das ist aus ethischen und rechtlichen Aspekten heraus zumindest ein fragliches Vorhaben. Dieses Experiment soll vielmehr aufzeigen, wie einfach es bereits ist so Bücher zu erstellen und zeigen, dass der Buchmarkt vor einem größeren Problem stehen könnte als ihm bewusst ist.
Die Sache mit der Tokengrenze und dem Kontextfenster
Bevor wir mit der Generierung anfangen, müssen wir uns mit zwei Hürden beschäftigen, die bei einem so großen Projekt wie einem Buch bei KI aufkommen. Die erste Hürde ist die sogenannte Tokengrenze, die die Ein- und Ausgabe der Large-Language-Modelle (LLMs) beschränkt. Für die verschiedenen Modelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini sind die Tokengrenzen unterschiedlich, aber eine Faustregel lautet, dass Sprach-KIs mehr Token bei der Eingabe verarbeiten können als sie in der Ausgabe generieren können.
Was bedeutet das? Angenommen ein Large-Language-Modell kann als Quelle rund 80.000 Wörter verarbeiten, das entspricht ungefähr 160 DIN-A4-Seiten. Man könnte Claude, ChatGPT oder Gemini also zum Beispiel einen Roman hochladen und dann zusammenfassen lassen. Anders sieht es bei der Generierung aus. Unser theoretisch angenommenes Modell kann nämlich nur rund 10.000 Wörter (knapp 20 DIN-A4-Seiten) generieren. Das ist weit davon entfernt ein ganzes Buch zu sein. Würde man mehr generieren wollen, bricht das Modell die Arbeit einfach ab oder fängt immer wieder von vorne an.
Die zweite Hürde ist das Kontextfenster, oder vereinfacht ausgedrückt das Gedächtnis der LLMs. Also das, was sich das KI-Modell im Chatverlauf merken kann. Für einen Roman mit mehreren handelnden Personen und komplexem Erzählstrang ein Problem. Die KI müsste sich schließlich beim Schreiben des Buches merken können, was auf Seite eins passiert ist, damit nicht auf Seite 214 ein inhaltlicher Fehler passiert, Charaktere einfach verschwinden oder Handlungsstränge nicht beendet werden.
Auch das Kontextfenster ist unterschiedlich groß bei den einzelnen Modellen, reicht in der Regel aber für die Generierung eines vollständigen Romans nicht aus. Doch mit einem Trick können die Probleme der Tokengrenzen und des Kontextfensters umgangen werden.
Vom Prompt zum Buch
Um ein Buch per KI zu generieren, lassen wir uns zunächst einen Plot und eine Kapitelübersicht erstellen. In unserem Fall haben wir das Modell Haiku 4.5 von Claude in der kostenlosen Version gebeten, uns eine Idee für einen Krimi zu liefern. Das Ergebnis könnt ihr ausklappen, falls es euch interessiert.
Plotvorschlag von Claude
"Das Maschseegrab"
Grundkonstellation: Die pensionierte Kriminalkommissarin Vera Lindholm (62) lebt seit zwei Jahren zurückgezogen am Maschsee. An einem nebligen Novembermorgen entdeckt sie beim Joggen eine Leiche im Schilf – es ist ihr ehemaliger Kollege und Mentor Klaus Mehring, der vor 15 Jahren spurlos verschwand und für tot erklärt wurde.
Der Twist: Mehring wurde erst vor wenigen Tagen ermordet. Er hat also 15 Jahre im Untergrund gelebt. In seiner Jackentasche findet sich ein Zettel mit Veras Adresse und dem Wort "Verzeih".
Die Ermittlung: Gegen ihren Willen wird Vera in die Ermittlungen hineingezogen. Sie entdeckt, dass Mehring damals an einem Fall arbeitete, der nie gelöst wurde: der Mord an der Studentin Lena Hartwig (1998). Mehring glaubte, der Täter sei jemand aus den eigenen Reihen – und verschwand kurz bevor er Beweise vorlegen konnte.
Mögliche Wendungen:
- Mehring hat unter falschem Namen in Linden gewohnt, nur 3 km von Vera entfernt
- Der aktuelle Fall hat Verbindungen zur hannoverschen Immobilienbranche und einem Bauskandal
- Vera muss sich fragen: Hat sie damals etwas übersehen? War sie Teil der Vertuschung?
Schauplätze: Maschsee, Linden-Nord, Herrenhäuser Gärten, alte Polizeiwache, das Ihme-Zentrum
Nachdem der eigentlich Plot steht, lassen wir uns vom selben Modell eine Übersicht über alle Kapitel und ihre jeweilige Handlung generieren. So haben wir einen roten Faden, an dem wir uns bei der Generierung des Krimis entlang hangeln. Auch diese könnt ihr ausklappen, falls ihr die Handlung genauer betrachten wollt.
Kapitelübersicht von Claude
Kapitel 1 - Nebel über dem Maschsee
Vera Lindholm beim morgendlichen Joggen. Wir lernen ihre Routine kennen, ihre Einsamkeit seit der Pensionierung, die gescheiterte Ehe. Sie entdeckt die Leiche im Schilf. Sofortiger Schock: Sie erkennt Klaus Mehring, ihren alten Mentor, der seit 15 Jahren verschwunden ist.
Kapitel 2 - Geister der Vergangenheit
Polizei trifft ein. Vera kennt den leitenden Kommissar Tamm (45), ihr ehemaliger Untergebener, jetzt ihr Nachfolger. Spannungen zwischen den beiden. Erste Fakten: Mehring wurde vor 2-3 Tagen erschossen, Nahschuss. Der Zettel mit Veras Adresse wird gefunden. Tamm bittet sie, nicht einzumischen. Rückblende: Veras letzte Erinnerung an Mehring 2010.
Kapitel 3 - Die verbotene Akte
Vera kann nicht loslassen. Sie geht in ihr Archiv im Keller - alte Umzugskartons mit Fallakten, die sie hätte entsorgen sollen. Sie findet ihre Notizen zum Fall Lena Hartwig (1998). Mehring war besessen von diesem Fall. Lena, 23, Architekturstudentin, erwürgt in ihrer Wohnung in der Nordstadt. Nie aufgeklärt.
Kapitel 4 - Der Mann, der nicht starb
Vera erfährt durch einen Anruf einer alten Kollegin (Margot, jetzt beim Ordnungsamt): Mehring hat unter dem Namen "Klaus Martens" in Linden-Nord gelebt, Sozialwohnung, unauffällig. Er arbeitete als Nachtwächter. Vera beschließt, heimlich zu ermitteln. Sie fährt zur Adresse.
Kapitel 5 - Linden-Nord
Veras Besuch in Mehrings schäbiger Wohnung (Polizei war schon da, hat alles durchsucht). Die Vermieterin, Frau Yilmaz, erzählt: "Herr Martens" war freundlich, verschlossen, bekam nie Besuch. Vera findet ein übersehenes Detail: unter der losen Fußleiste ein USB-Stick.
Kapitel 6 - Digitale Spuren
Auf dem USB-Stick: verschlüsselte Dateien und ein Ordner mit Fotos. Die Fotos zeigen einen Mann mittleren Alters bei Geschäftstreffen, vor Baustellen, bei einem Empfang. Vera erkennt ihn: Dr. Volker Stendal, damals junger Staatsanwalt im Fall Hartwig, heute prominenter Anwalt für Immobilienrecht in Hannover.
Kapitel 7 - Alte Wunden
Vera trifft sich heimlich mit ihrem Ex-Mann Robert (Journalist bei der HAZ). Komplizierte Beziehung, aber er hilft ihr manchmal noch. Er recherchiert zu Stendal: erfolgreiche Kanzlei, vertritt große Bauträger, kürzlich in Skandal um Herrenhäuser Gärten-Projekt verwickelt (Korruptionsvorwürfe, nichts bewiesen). Robert warnt Vera: "Der Mann hat Macht."
Kapitel 8 - Das Verhör
Kommissar Tamm bestellt Vera offiziell vor. Er weiß, dass sie ermittelt. Konfrontation: "Warum stand deine Adresse bei ihm?" Vera kann es nicht erklären. Tamm offenbart: Ballistik zeigt, dass die Mordwaffe dieselbe ist, die 1998 in einem anderen Fall verwendet wurde - ein ungelöster Mord an einem Zuhälter in der Steintorviertel. Verbindung?
Kapitel 9 - Lenas Geschichte
Vera vertieft sich in die alte Akte Hartwig. Lena war nicht nur Studentin - sie jobbte als Zeichnerin für ein Architekturbüro. Das Büro: Stendal & Partner (damals geführt von Volkers Vater, Heinrich Stendal). Lena arbeitete an Entwürfen für ein großes Projekt am Maschsee. Erste Verbindungslinie.
Kapitel 10 - Die zweite Leiche
Neue Wendung: Eine zweite Leiche wird gefunden - im Ihme-Zentrum. Ein obdachloser Mann, Bernd "Bernie" Kowalski (68). Erschossen, gleiche Waffe. Bernie war in den 90ern kleiner Dealer und Informant. Vera erinnert sich: Bernie hatte damals Infos zu Lenas Umfeld, aber seine Aussage wurde nie ernst genommen.
Kapitel 11 - Parallelen
Vera und Tamm arbeiten widerwillig zusammen. Sie rekonstruieren: Mehring hatte Bernie kurz vor seinem Tod getroffen (Zeugenaussage aus einem Spätkauf). Was wusste Bernie? Tamm gesteht Vera: "Ich war damals Praktikant im Präsidium. Ich erinnere mich an Mehrings Obsession. Er sagte, jemand von uns schützt den Mörder."
Kapitel 12 - Der Grundstein
Recherche durch Robert bringt Durchbruch: 1998 wurde am Maschsee ein großes Luxusprojekt geplant - "Maschsee-Residenzen". Das Projekt scheiterte plötzlich nach Lenas Tod. Heinrich Stendal war Investor, sein Sohn Volker der juristische Berater. Lena hatte kritische Dokumente über Baumängel und Bestechungsgelder kopiert - verschwanden nach ihrem Tod.
Kapitel 13 - Konfrontation I
Vera sucht Volker Stendal in seiner Kanzlei auf. Eleganter, charmanter Mann, wirkt überrascht. Er gibt zu, Lena gekannt zu haben - "tragisch, ich war damals selbst erschüttert". Aber er hat ein Alibi für 1998 (war auf Fortbildung in Berlin). Für Mehrings Tod ebenfalls (Geschäftsessen, mehrere Zeugen). Vera spürt: Er lügt, aber gekonnt.
Kapitel 14 - Der dritte Mann
Durchbruch auf dem USB-Stick: Vera schafft es, eine verschlüsselte Datei zu öffnen. Mehrings Notizen. Er schreibt von einem "dritten Mann" - jemand, der sowohl 1998 als auch heute aktiv ist. Ein Name taucht auf: "T." Vera wird kalt. Tamm? Aber Tamm war damals erst Praktikant...
Kapitel 15 - Verrat
Vera wird in ihrer Wohnung überfallen - ein Maskierter sucht den USB-Stick. Sie kann entkommen, verletzt. Im Krankenhaus offenbart Tamm ihr: Er hat interne Ermittlungen laufen - gegen seinen eigenen Vorgesetzten, Polizeipräsident Thomas Gerlich (59). Gerlich war 1998 leitender Kommissar im Fall Hartwig. "T." steht für Thomas.
Kapitel 16 - Das Fundament
Alle Teile fügen sich zusammen: Lena entdeckte, dass die Maschsee-Residenzen auf korrupten Deals basierten. Gerlich, damals verschuldet, wurde von Heinrich Stendal bestochen, die Ermittlungen zu sabotieren. Lena wurde ermordet (Auftragsmord), Beweise verschwanden. Mehring kam der Wahrheit zu nahe, musste untertauchen. Bernie wusste von Gerlichs Verwicklung. Beide wurden eliminiert, als Mehring versuchte, den Fall neu aufzurollen.
Kapitel 17 - Die Falle
Vera und Tamm stellen eine Falle: Sie locken Gerlich mit der Behauptung, sie hätten alle Beweise. Gerlich erscheint - mit Waffe. Dramatische Konfrontation am Maschsee (wo alles begann). Gerlich gesteht: "Ich war jung, brauchte Geld. Es sollte niemand sterben." Aber er hat nicht selbst getötet - er nannte den Namen des Auftragsmörders: ein ehemaliger NVA-Offizier, längst tot. Volker Stendal war nur Mitwisser, wurde von seinem Vater geschützt.
Kapitel 18 - Stille Wasser
Wochen später. Gerlich und Volker Stendal sind verhaftet. Der Fall wird neu aufgerollt. Vera steht am Maschsee, legt Blumen nieder - für Lena, für Klaus, für Bernie. Sie hat Frieden mit ihrer Vergangenheit gemacht. Ein Anruf von Tamm: "Es gibt da einen neuen Fall... interessiert?" Vera lächelt. "Erzähl mir davon." - ENDE.
Nun geht es an das eigentliche Generieren des Inhalts. Um das Problem der Tokengrenzen zu umgehen, lassen wir das LLM jeweils nur ein Kapitel erzeugen. Das ist völlig im Rahmen des Möglichen und sollte die KI vor keine Probleme stellen. In unserem Experiment übernimmt das eigentlich Schreiben GPT 5.2 von OpenAI. Auch hier könnt ihr den genauen Prompt wieder ausklappen, falls ihr mögt.
Prompt für Kapitel 1
Du schreibst Kapitel 1 des Kriminalromans „Das Maschseegrab“.
Figur im Fokus:
Vera Lindholm, 63, pensionierte Kriminalhauptkommissarin
Kapitelziel:
- Etabliere Veras Alltag und Einsamkeit
- Setze Atmosphäre (früher Morgen, Nebel, Maschsee)
- Der Leichenfund ist der Wendepunkt
- Am Ende erkennt Vera Klaus Mehring
Wichtig:
- Keine Rückblenden
- Keine Polizeiarbeit
- Keine Erklärung der Beziehung zu Mehring vor der letzten Szene
- Spannung über Wahrnehmung, nicht über Aktion
Stil:
- nüchtern, präzise
- kurze Sätze
- wenig Dialog (maximal 2–3 Sätze Selbstgespräch)
Länge:
ca. 1.100–1.300 Wörter
Ende des Kapitels:
Vera erkennt den Toten. Kein Cliffhanger-Dialog. Stille.
Um das Problem des Kontextfensters zu umgehen und um eine konsistente Geschichte zu erzählen, fassen wir das erste Kapitel im Anschluss zusammen und fügen einen Teil „was bisher geschah“ in den Prompt für das zweite Kapitel ein. Nach dem zweiten Kapitel dann wieder zusammenfassen und alles in den Prompt für das drittel Kapitel, und so weiter. Das Prinzip habt ihr verstanden. So weiß die KI jeweils beim Schreiben des nächsten Kapitels welche Geschichte sie berücksichtigen muss, ohne sich selbst etwas merken zu müssen.
Mit diesem einfachen Trick fallen die letzten technischen Argumente weg, warum KI angeblich keine Bücher schreiben kann, denn bisherige Limitationen von KI-Modellen werden so umgangen. Die Aufgabe des Menschen ist es dann nur noch die einzelnen Kapitel zusammenzuführen.
Der Krimi zum Download
Das Ergebnis wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten. Die ersten sechs generierten Kapitel von „Das Maschseegrab“ könnt ihr als PDF herunterladen.
Wer in den Krimi hineinließt, wird schnell bemerken, dass das Buch nicht unbedingt hohe Weltliteratur ist. Die Sätze sind extrem kurz, einige ergeben wenig Sinn, die Story ist zwar grundlegend gut, aber auch wenig überraschend und eher etwas für den Vorabend als für die Prime Time. Aber wenn man diesen Text als Grundlage nimmt, ihn etwas anpasst, Übergänge zwischen den Kapiteln schärft und noch ein oder zwei neue Ideen in den Plot einbaut, würde das Buch sehr viel besser lesbar sein.
Dieses Experiment zeigt also nicht, dass KI gute Bücher schreibt. Es zeigt etwas Beunruhigenderes. Nämlich dass es heute technisch trivial ist, ein vollständiges Buch zu erzeugen, inklusive Cover, Struktur und Inhalt, und es in Umlauf zu bringen, ohne dass es jemand erkennt.
Mehr zu dem Thema hört ihr in der aktuellen Ausgabe des Podcasts:
